Titel: Prospects for a New Realism Zeit: 26.-28. März 2012 Ort: Aula der Universität Bonn: Am Hof 1, 53113 Bonn

10 02 2012

Zielsetzung:
Einer zeitweise sehr beliebten Zeitdiagnose zufolge leben wir in der Postmoderne. Diese Diagnose wird häufig durch eine vermeintliche soziologische These von der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit unterstützt, die ganz verschiedene philosophische Quellen im 19. Jahrhundert hat und die für viele mit der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts geradezu paradigmatisch verbunden ist. Die These nimmt häufig von einer epistemologischen Diagnose ihren Ausgang: Da unser Zugang zur Welt insgesamt durch komplexe, historisch kontingente Parameter wie die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, ideologische Verblendungen, fallible Überzeugungssysteme, Interessen usw. vermittelt ist, können wir nicht davon ausgehen, dass wir Tatsachen oder Gegenstände so erfassen, wie sie an sich sind. Alle Tatsachen oder Gegenstände seien vielmehr immer nur relativ auf Systeme irgendeiner Art. Daraus haben radikale Konstruktivisten bisweilen geschlossen, dass es nicht einmal Tatsachen oder Gegenstände gibt, zu denen wir einen falliblen Zugang suchen, denn auch diese Tatsache sei nur ein Konstrukt unter anderen. Argumentiert man auf diese Weise, verlören freilich Begriffe wie Tatsache, Wahrheit und Objektivität ihren traditionellen Status und die gesamte Gesellschaft mit all ihren ausdifferenzierten Teilsystemen wie Wissenschaft, Religion, Recht, Kunst usw. wäre lediglich ein, mit John McDowell gesagt, „reibungsloses Rotieren der Begriffe im luftleeren Raum“.
Gegen eine solche Auffassung der „Postmoderne“ und insbesondere gegen die Verabschiedung von Tatsachen, Wahrheit und Objektivität auf der Basis einer vermeintlichen Einsicht in die soziale Konstruktion der Wirklichkeit sind inzwischen viele gewichtige Stimmen laut geworden. Wir fassen diese Stimmen unter dem Namen des ‚Neuen Realismus‘ zusammen, den wir mit der Tagung aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen – der Philosophie, der Soziologie, der Literatur- und Bildwissenschaft, der Naturwissenschaft – angehen und international sichtbar weiter vorantreiben möchten. Das vorläufige Label ‚Neuer Realismus‘, das durchaus absichtlich an eine Bewegung Anfang des letzten Jahrhunderts erinnert, wird interessanterweise für ähnliche Tendenzen in der Rechts- und Politikwissenschaft verwendet. Es soll darum gehen, die Aussichten für einen neuen Realismus im Hinblick auf die Frage zu untersuchen, inwiefern dieser überzeugendere Modelle für die postmoderne Diagnose einer Pluralität von Wahrheiten, Sprachspielen oder Perspektiven anzubieten hat.

Quelle: DGPhil

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